BRUSTGESCHIRR versus Halsband: Was jeder Hundehalter wissen sollte!

PDT-Informationsblatt

 

BRUSTGESCHIRR VERSUS HALSBAND

Sieht man sich auf den Straßen und in Hundezonen um, scheint das Thema Halsband oder Brustgeschirr eine reine Geschmacksfrage zu sein.. Auch, wenn in den letzten Jahren ein klarer Trend Richtung Brustgeschirr zu bemerken ist, werden derzeit die meisten Hunde noch über ein Halsband geführt. Neben dem modischen Aspekt (größere Designauswahl), den geringeren Anschaffungskosten, einer vermeintlich einfacheren Handhabung (schnelles An- und Ausziehen), sorgen auch veraltete Erziehungsmythen und mangelndes Wissen über die negativen Auswirkungen auf die psychische wie physische Gesundheit des Tieres, dafür, dass viele Hundehalter immer noch zum Halsband anstelle eines Brustgeschirrs greifen.

 

GESUNDHEIT

Der Hals gilt als die verletzlichste Angriffsstelle bei Hunden. Nimmt man die Anatomie des Hundehalses genauer unter die Lupe fällt sofort auf, dass dieser empfindliche Bereich von zahlreichen Nervensträngen, Blutgefäßen und Lymphbahnen durchzogen ist. Zudem sitzen hier die Halswirbelsäule, die Luft- und Speiseröhre, die Schilddrüse und Nebenschilddrüse und der Kehlkopf (die nur von einem zarten Bindegewebe geschützt sind). Durch das Tragen eines Halsbandes können diese Weichteile dauerhaft geschädigt werden. So entsteht beispielsweise durch den Druck auf die Drosselvene ein Blutrückstau im Schädel, der eine Druckerhöhung im Kopf und damit verbunden, heftige Kopfschmerzen zur Folge haben kann. Der Augeninnendruck (intraokulärer Druck) steigt bei Druckausübung durch ein Halsband an, was wiederum zu einem Glaukom (grüner Star) führen kann. Der Sehnerv und die Netzhaut werden geschädigt und die Erblindung des Hundes kann das Endergebnis sein. Hingegen bleibt der Augeninnendruck beim Tragen eines Brustgeschirrs unverändert. * Die Verwendung eines Halsbandes kann zudem Störungen in der Halswirbelsäule verursachen, die zu Bandscheibenvorfällen und Lahmheit führen können (als Akutfall sowie als Spätfolge im Alter).

Jeder Druck oder Ruck über das Halsband hat zur Folge, dass der gesamte Hundekörper im wahrsten Sinne des Wortes verbogen wird, somit ist neben den oberen Kopfgelenken und der Halsmuskulatur, häufig die gesamte Wirbelsäule von Folgeschäden betroffen.

Da viele der genannten Symptome oft erst als Spätfolge (nach jahrelangem Gebrauch eines Halsbandes) auftreten, werden diese leider nicht immer in direkten Zusammenhang mit dem Tragen eines Halsbandes gebracht und von manchen Tierärzten und Therapeuten als altersbedingter Nebenbefund diagnostiziert. Hier fehlt es zum einen an der notwendigen Sensibilisierung von Veterinärmedizinern (und daraus resultierender Präventivmaßnahmen, wie etwa Aufklärung der Hundehalter bereits beim Welpen) zum anderen an weiteren repräsentativen Langzeitstudien, die häufige gesundheitliche Folgeschäden bei Halsbandträgern wissenschaftlich belegen.

Fazit: Das Tragen eines gut sitzenden Brustgeschirrs schont den empfindlichen Halsbereich des Hundes. Verantwortungsbewusste Hundehalter beugen möglichen gesundheitlichen Schäden vor, indem sie dauerhaft auf den Gebrauch eines Halsbandes verzichten.

*Quelle: Amy M. Pauli, Ellison Bentley, Kathryn A. Diehl, Paul E. Miller (2006): Effects of the Application of Neck Pressure by a Collar or Harness on Intraoluar Pressure in Dogs. In: Journal of the American Animal Hospital Association 42:207-211 (2006)

 

SICHERHEITSASPEKT

Bei Hundebegegnungen kann es schon einmal vorkommen, dass der Mensch eingreifen und seinen Hund aus einem Konflikt herausholen muss. Durch den stabilen Rückensteg des Brustgeschirrs ist ein rasches und sicheres Eingreifen möglich, bei einem Halsband hingegen müssen Sie in den Nackenbereich des Hundes greifen um das Halsband zu erreichen, was von Hunden als Angriff interpretiert werden kann. In einer angespannten Situation kann es so zu einer vermeidbaren Übersprungshandlung des Hundes kommen (Bissverletzungen im Hand-/ Armbereich).

Auch im Straßenverkehr gibt es Situationen, in denen wir unsere Hunde rasch sichern müssen (heranfahrende Radfahrer, Autos o.ä.). Ob im Freilauf oder an der Leine. Hier eignet sich wieder der stabile Rückensteg des Brustgeschirrs, um seinen Hund schnell und bequem zu halten. Wenn wir unseren Hund in einer Gefahrensituation plötzlich stoppen müssen, ist der Zug an einem Halsband für den Hund schmerzhaft und gesundheitsschädigend. Wir Menschen legen uns im Auto den Sicherheitsgurt auch um die Brust und nicht um den Hals an* (*kleiner Denkanstoss meiner geschätzten Kollegin Clarissa v. Reinhardt).

Bergung in einer Notsituation: Sollte der Fall eintreten, dass ihr Hund im Freilauf oder an der Leine irgendwo abrutscht oder hineinfällt und sich eigenständig nicht mehr befreien kann, können sie ihn an einem Halsband niemals hochziehen ohne ihn dabei zu strangulieren. Zudem kann der Griff nach dem Nackenbereich eines in Panik geratenen Hundes, zu einem massiven Abwehrverhalten führen (was unter Umständen mit Bissverletzungen bei den Rettungspersonen enden kann). Mit einem Brustgeschirr hingegen können Sie ihren Hund behutsamer und somit stressfreier bergen.

Eine weitere unterschätzte Alltagsgefahr: Im Freilauf flitzen manche Hunde gerne einmal durch das Unterholz und können sich dabei mit ihrem Halsband oder Brustgeschirr in einem Ast verfangen. In einer Notsituation kann ein Hund sein Brustgeschirr durchbeißen um sich selbst zu befreien. Verfängt sich der Hund hingegen mit einem Halsband im Gestrüpp, kann dies zu einer tödlichen Falle werden, wenn keine menschliche Hilfe in der Nähe ist, um ihn zu befreien (leider ein häufiger Grund warum vermisste Hund von ihren „Streifzügen“ nicht mehr zurückkommen).

Fazit: In diversen Gefahrensituationen kann, im Vergleich zu einem Halsband, mit einem Brustgeschirr gezielter und sicherer eingegriffen und die Gefahr des Strangulierens vermieden werden.

 

DAS FÜHREN AN DER LEINE

Warum sieht man so häufig Hunde, die permanent an der Leine ziehen? Oder weswegen verhalten sich viele Hunde an der Leine anderen Artgenossen gegenüber aggressiv und im Freilauf nicht? Ein kleiner Einblick in die Komplexität eines sehr häufigen Alltagsproblems, soll Ihnen die Entscheidung für ein Brustgeschirr erleichtern.

Leinenführigkeit: Einem Hund beizubringen, dass er NICHT an der Leine ziehen soll, funktioniert erfahrungsgemäß mit einem gut sitzenden Brustgeschirr sehr gut, da kein schmerzhafter Druck auf den Halsbereich ausgeübt wird, sollte der Hund doch einmal auf Zug kommen. Beim Tragen eines Halsbandes hingegen kann der (aufgrund des Drucks) verursachte Schmerz dazu führen, dass ihr Hund sogar noch mehr zieht. Nicht selten hört man von Haltern so genannter „Dauerzieher“ (leider auch von respektlosen Trainern/innen) zynische Kommentare wie „wenn es ihn würgt, soll er halt aufhören zu ziehen“ oder es wird meist erfolglos versucht dem Hund mit noch größerem Schmerzreiz (Leinenruck) das Ziehen an der Leine abzugewöhnen. Ein klassisches Kommunikationsmissverständnis zwischen Mensch & Hund – mit fatalen psychischen wie physischen Folgen für den Hund! In den meisten Fällen reagiert der Hund auf den ausgelösten Schmerz mit Meideverhalten, indem er versucht Distanz zum anderen Ende der Leine (dem Halter) zu schaffen und wegzieht. Andererseits empfindet ein Hund einen dauerhaften Druck am Hals noch erträglicher als einen immer wiederkehrenden Schlag auf den Hals, der jedes Mal verspürt wird, wenn er wiederholt auf Zug kommt oder bewusster Druck vom anderen Ende der Leine ausgeübt wird. Der dabei vom Hund empfundene Dauerstress, macht einen entspannten Spaziergang unmöglich.

Leinenaggression: Beim Tragen eines Halsbandes kann es sehr leicht zu Fehlverknüpfungen kommen. Stellen Sie sich vor, ihr Hund zieht (oder sie ihn) in dem Augenblick an der Leine, in dem er einen anderen Hund, ein Kind, einen Jogger, etc. sieht und er verspürt in diesem Moment den unangenehmen bis schmerzhaften Druck am Hals. Hunde lernen schneller als uns lieb ist durch gedankliche Verknüpfungen (mit der Fragestellung: was oder welche Situation löst den Schmerz am Hals aus?). So passiert es in kürzester Zeit, dass ihr Hund Erfahrungen generalisiert und in diesen Momenten lernt, dass der Anblick von Artgenossen, Kindern, Joggern, etc. Schmerzen verursacht. Durch diese Fehlverknüpfungen können ängstliches bis hin zu aggressives Verhalten ausgelöst und/oder verstärkt werden.

Fazit: Die Leinenführigkeit und die so genannte Leinenaggression sind zwei sehr komplexe Themen, die am Besten in einem Einzeltraining mit einem kompetenten Trainer besprochen und bearbeitet werden. Denn für das Ziehen oder Aggressionsverhalten an der Leine gibt es nie nur einen Grund! Erst, wenn durch ein individuell auf das Mensch-Hund-Team angepasstes Training alle Ursachen erkannt und behoben werden, kann ein harmonischer Spaziergang an der Leine nachhaltig gelingen. Das richtige Equipment (Brustgeschirr und optimale Leinenlänge) schaffen eine wichtige Basis!

 

AUSWAHL EINES GUT SITZENDEN BRUSTGESCHIRRS 

  • das Brustgeschirr sollte aus einem angenehm weichen und waschbaren Material
  • das Geschirr sollte an allen Stellen verstellbar sein, um es optimal an den Körperbau ihres Hundes anpassen zu können.
  • das Geschirr sollte zwei Schnallen zum Öffnen haben, damit der Hund nicht mit einer Pfote in das Geschirr hineinsteigen muss, denn das empfinden viele Hunde als unangenehm.
  • der Rückensteg sollte fest vernäht sein, damit eine Stabilität gewährleistet ist (bitte immer vernähte und nicht verklebte Brustgeschirre auswählen, denn die verklebten Geschirre neigen dazu, auf der Haut zu scheuern).
  • der Rückensteg sollte an die Größe des Hundes angepasst sein, also nicht zu kurz sein.
  • zwischen Achselhöhlen und Brustband sollte ausreichend Platz sein, sonst schneidet das Brustgeschirr in die Achselhöhle ein.
  • die Bänder sollten nicht zu schmal sein, da sie sonst einschneiden.
  • die Verschlussschnallen sollten stabil und abgerundet
  • das Brustgeschirr sollte nicht zu eng sitzen, da es sonst schmerzhaft auf die Wirbelsäule drücken kann.
  • der Ring am Brustkorb sollte nicht auf das Brustbein drücken – bitte richtig einstellen.

 

BRUSTGESCHIRR EMPFEHLUNGEN (in verschiedenen Ausführungen & Farben erhältlich) 

TOGETHER Brustgeschirr           ANNYX Brustgeschirr            HAQIHANA Brustgeschirr

 

ABSOLUTE NO-GOS:

– Kombination „Flexi“-Leinen und Schleppleinen in Verbindung mit einem Halsband

– Kopfhalfter (Haltis) und andere Hilfsmittel die nur der reinen Symptombekämpfung dienen

– Ketten-, Würge- und Stachelhalsbänder (in Österreich gesetzlich verboten!)

BITTE SCHAUEN SIE NICH WEG!

Helfen sie aktiv mit, die Lebensqualität der Hunde in unserem Alltag zu verbessern. Schauen sie nicht weg, wenn sie einen bereits keuchenden, hustenden nach Luft ringenden Hund an der Leine hängen sehen. Sprechen sie den Halter des Hundes möglichst sachlich und höflich auf die Situation an. Denken sie daran, viele Hundehalter führen ihre Hunde aus Unwissenheit an einem Halsband und sind eventuell sogar dankbar für einen kleinen Denkanstoss, der einen Umstieg auf ein Brustgeschirr bewirkt!

Der Text darf gerne im Sinne der Aufklärungsarbeit unverändert vervielfältigt bzw. geteilt werden!

copyright © 2015-2018 by Sandra Dorfner-Rösel www.personaldogtraining.at

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*